Wenn sich der Mond in die Sonne verliebt

Wenn sich der Mond in die Sonne verliebt

KinderKulturKarawane thematisiert den Klimawandel
Zum zehnten Mal wuchsen in Herrenberg junge Menschen bei einem Auftritt der Kinderkulturkarawane über sich hinaus. Dieses Jahr war die peruanische Zirkustheatergruppe „Arena y Esteras“ zu Gast. Im evangelischen Gemeindehaus fanden die sieben Nachwuchs-Artisten sprechende Bilder für die altperuanische Legende „Oshe und Bari“. So schreibt Nadine Dürr im „Gäubote“ am 16.10.2018.

Im silbern schimmernden Gewand tritt Oshe, der Mond, auf die Bühne. Einsam und verträumt schwingt er sich inmitten eines großen silbernen Reifens über die Bühne. Die strahlende Sonne Bari, die in goldener Robe auf einem hohen Einrad sitzt und Glitzerstaub auf die Erde regnen lässt, wird dem bleichen Erdtrabanten schon bald den Kopf verdrehen. Doch so einfach ist das mit der Liebe
zwischen den Gestirnen nicht. Schließlich erfüllt jeder Teil des Kosmos eine wichtige Aufgabe. Das Universum, das „Arena y Esteras“ präsentieren, will mit allerlei geheimnisvoll angedeuteten Ritualen im Gleichgewicht gehalten werden. Eines der im Hintergrund abgespielten Lieder verweist auch auf „Ayahuasca“, die psychoaktive Pflanzenzubereitung, die bei religiösen Ritualen im Amazonas-Gebiet in einen Trance-Zustand versetzt. Hin und wieder mischen auch Geister in Tiergestalt kräftig mit.

Akrobatik beeindruckt
Mond und Sonne vereinigen sich letztlich dann aber doch – und mit einer Sonnenfinsternis bricht das Chaos über die Erde herein. Ein leiser Fingerzeig in Richtung Klimakollaps. Denn: Die Amazonas – Kulturen, so erfuhr der Zuschauer zu Beginn der Aufführung, machen die menschliche Hybris und die Zerstörung der Natur durch den Homo sapiens für diese Katastrophe verantwortlich. Und so sieht man während der Aufführung immer wieder Geldscheine den Besitzer wechseln. Ein bärtiger Mann, der in einem Schiff zu den Indios schippert und ihnen eine Schatzkiste vor die Nase hält, ruft unwillkürlich die spanischen Kolonisatoren in Erinnerung. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf.

Mit beeindruckender Bodenakrobatik, kunterbuntem Tanz, Jonglage, Hebefiguren und allerlei gewagter Körper-Stapeleien sensibilisieren „Arena y Esteras“ ihre Zuschauer für die Klimakatastrophe und machen das Publikum ganz beiläufig mit allerlei Aspekten ihrer Kultur bekannt. Das Rund von Mutter Erde – Pachamama – begegnet immer wieder in Form von Reifen, groß und klein, Bällen und Rädern, die über die Bühne wirbeln. Sehr schön anzusehen auch die bunten, trachtenartigen Kostüme. Und dann wäre da noch die Musik: mal Spanisch, mal in der Sprache der Ureinwohner des Amazonas – Shipibo.

Klimawandel in Peru stärker als hier zu spüren
Wie die Akteure in einer anschließenden Fragerunde erzählten, entwickelten sie das Zirkustheater-Stück in den vergangenen zwei Jahren selbst. Wichtig war ihnen dabei, Begegnungen zu schaffen, zu zeigen, was sie können, aber auch politisches Bewusstsein zu transportieren. „Der Klimawandel ist in Peru noch stärker zu spüren als hier“, sagte die Choreografin des Stücks. „In den Anden erfrieren Kinder und vor zwei Jahren gab es große Überschwemmungen. Die Politiker aber kümmern sich nicht.“ Die Leidtragenden sind auch die Bewohner des Stadtbezirks „Villa el Salvador“ am Rande von Lima, wo die Mitglieder der Gruppe „Arena y Esteras“ – das bedeutet „Sand und Strohmatten“ – herkommen. Die Menschen, die dort leben, sind arm und haben oft keine Perspektive. Das vor 20 Jahren gegründete Jugendprojekt will den jungen Menschen nach dem Schulbesuch eine zweite Heimat bieten, wo sie mit künstlerischen Ansätzen in Berührung kommen und lernen, ihre Kultur zu erhalten. Die sieben jungen Nachwuchs-Artisten, die derzeit durch Deutschland touren, sind zwischen 15 und 27 Jahren alt. Seit sechs Wochen begeistern sie Zuschauer von Hamburg über Köln bis Herrenberg mit ihrer traumhaften Performance. Noch bis zum 11. November sind sie in Deutschland unterwegs.

In der Gäustadt ist die peruanische Crew bei Gastfamilien untergebracht, viele davon „Wiederholungstäter“. Ermöglicht hatten den Herrenberger Zwischenstopp die Lokale Agenda, die Stadtbibliothek, der Verein Partnerschaft Dritte Welt, das Kulturcafé des Schickhardt-Gymnasiums und der Projekte-Pool Herrenberg.

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