Escuela de la Comedia y del Mimo

Ausgangslage
In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts stand Nicaragua im Brennpunkte der internationalen Politik. Der Sturz der Somoza Diktatur 1979 und die 10 Jahre währende Regierung der Sandinisten stellten Nicaragua ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Seither ist es ruhig geworden um dieses Land, und die spärlichen Meldungen berichten meist über wenig erfreuliche Ereignisse. Hurricanes, Erdbeben und Vulkanausbrüche plagen das Land und richten grossen Schaden an. Tatsache ist, dass Nicaragua heute mit seinen rund 5,4 Millionen Einwohner eins der ärmsten Länder der Welt ist. Besonders stossend dabei ist die ungleiche Einkommensverteilung. Während eine kleine Elite über unermessliche Reichtümer verfügt, leben über 50% der Menschen unter der Armutsgrenze.

Die Folgen der grassierenden Armut sind für die Kinder besonders schwerwiegend. Oft muss sich eine Familie von sechs bis hin zu fünfzehn Personen ein kleines Haus teilen. Die Perspektiven für die betroffenen Kinder sind sehr schlecht. Nur wenige von ihnen haben überhaupt die Möglichkeit jemals eine Schule zu besuchen, da die Grossfamilien zumeist nicht die finanziellen Mittel aufbringen können, um die Kinder einzuschulen und ihnen Lehrmittel und Uniformen zu kaufen. Zudem ist die Effizienz und Qualität der öffentlichen Schulen miserabel. Lediglich 29% aller Kinder absolvieren die obligatorischen sechs Schuljahre und die durchschnittliche Dauer, um diese sechs Jahre zu absolvieren, beträgt 10,3 Jahre!

Viele Kinder sind deshalb gezwungen, schon früh ein Einkommen zu erzielen. Wenn sie nicht genug Geld verdienen, werden sie häufig geschlagen und/oder auf die Strasse zurückgeschickt. Für diese Kinder ist es Realität, für das tägliche Überleben zu kämpfen. Das Fehlen von sozialen und persönlichen Perspektiven trägt zur Misere bei. Sie bleiben im Sumpf von Drogen, Gewalt und Verbrechen gefangen und haben kaum Zugang zu Bildung, Sport, Kunst, geschweige denn zu professionellen Ausbildungsmöglichkeiten. Staatliche Programme sind rar und private Initiativen beschränkt. Alternative Programme sind daher umso notwendiger.

Um diesen tristen Verhältnissen etwas entgegenzusetzen und den Kindern eine Zukunft zu ermöglichen, wurde die Escuela de la Comedia y el Mimo gegründet. Es ist die erste Clown- und Mimikschule dieser Art in ganz Zentralamerika, die den Bedürfnissen vor Ort in höchstem Grade entspricht.

Entstehungsgeschichte der Escuela de la Comedia y el Mimo
Lanciert wurde das Projekt 2001 von Diego Gene, einem Clown aus Venezuela, der sich nach verschiedenen Stationen in Europa und Lateinamerika in Granada niederliess. Granada ist mit rund 120’000 Einwohnern die viertgrösste Stadt Nicaraguas. Sie liegt am Westufer des Nicaraguasees, am Fusse des 1345 m hohen erloschenen Vulkans Mombacho. Diego mietete ein Haus in dem Aussenquartier „Barrio San Bartolomé“, wo es ihm gelang, mit rund 20 Kindern und Jugendlichen aus armen Familien sein Projekt zu starten.

Was in den mittlerweile drei Jahren seit Projektstart erreicht wurde, ist beeindruckend. Heute werden mehr als 60 Mädchen und Jungen in den Armensiedlungen von Granada und Umgebung ausgebildet. Was dort als Idee, als Traum begann, wird bereits auf Stelzen und Einrad in die Nachbarländer getragen. So wurden drei Zirkustrainingslager in San Isidro de El General, Costa Rica, durchgeführt. Seit ein 26-jähriger Mercedes-Benz-Kleinbus zur Verfügung steht, tourt eine Truppe der School of Comedy and Mime sogar in ganz Zentralamerika herum. Insgesamt fanden bislang 147 Präsentationen für mehr als 30.000 Menschen in Städten, Dörfern und entlegenen Siedlungen statt. Die Vorführungen haben die jungen Menschen ungemein gefördert. Die meisten von ihnen reisten nie weiter als ein paar Kilometer von ihrem Heim entfernt. Inzwischen haben sie mehr Verständnis und eine grössere Wertschätzung für die Welt. Auch hatten sie viel Freude an den Präsentationen und haben inzwischen ein grösseres Wissen vom Theater als Kunst.

Der Einfluss der Truppe in den Gemeinden ist gewaltig. Die Besucher waren und sind sehr beeindruckt von der Professionalität und den Botschaften der Präsentationen. Dies umso mehr, da die Künstler aus niedrigen sozialen Verhältnissen stammen. Die Besucher realisierten, dass die jungen Künstler positive Schritte in ihrer Entwicklung gemacht haben, die ihr Leben und das ihrer Familien radikal veränderten.

Auf Einladungen von Diego Gene hin fanden auch etliche Artisten aus Europa den Weg nach Granada, um mit gutem Willen und ohne Bezahlung Akrobatik-, Jonglage- und Schauspielunterricht zu geben. Daneben macht es die wechselnde Mitarbeit von bislang über 40 meist amerikanischen und europäischen Freiwilligen und Studenten möglich, den Kindern ein kreatives, umfassendes Ausbildungsprogramm zu bieten.

Projektziele

Den Kindern und Jugendlichen aus Granada eine formale Schulbildung sowie eine Ausbildung in Theater- und Zirkuskünsten zu ermöglichen, ist das Hauptanliegen dieses Projekts. Nachdem in den ersten drei Jahren das Projekt mit einem minimalen Budget erfolgreich angelaufen ist, wird für eine weitere dreijährige Periode (2004-2006) eine Konsolidierung der Escuela de la Comedia y el Mimo angestrebt. Konkret sollen in den nächsten drei Jahren die folgenden drei Programmziele erreicht werden:

  • Ausbildung von zunächst 100 Kindern und Jugendlichen durch qualifizierte Lehrkräfte. Diese Ausbildung soll ihnen später ein Einkommen ermöglichen.
  • Bau einer Schule, die selbsttragend ist und als Modell für andere Programme dieser Art dient.
  • Schaffung eines sozialen und ökologischen Bewusstseins.

Erläuterungen zu den Zielen
Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten
Der Lehrplan der Schule ist multidisziplinär und umfasst neben einer artistischen (Theater, Mimik, Akrobatik, Tanz und Puppenspiel) auch eine formale Ausbildung (Englisch, Lesen, Informatik, Marketing und Buchhaltung). Diese umfassende Ausbildung soll den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, später als Artisten und Animateure im kulturellen Bereich und im Unterhaltungssektor ein Einkommen zu generieren.

Der Unterricht findet zurzeit in einem Haus statt, das nur sehr beschränkt Raum und Platz bietet. Damit auch weitere Kinder und Jugendliche vom Projekt profitieren können, strebt Diego Gene den Bau einer offiziellen Zirkusschule. an Es bestehen konkrete Pläne für ein richtiges Schulgebäude mit Klassenzimmern, Proberäumen, Bühne, Büro, Privaträumen usw. Zu diesem Zweck erhielt Gene ein Grundstück von über 2000 Quadratmetern geschenkt.

Da die Kinder und Jugendlichen eine professionelle Ausbildung erhalten und bei ihrem Einstieg ins Berufsleben begleitet werden, haben sie überaus gute Chancen, später ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen. Zudem ist der Unterhaltungssektor in Nicaragua bislang kaum entwickelt. Für die Familien gibt es nur wenige Möglichkeiten in ihrer Freizeit Zugang zu Unterhaltung und Kunst zu erlangen. Es besteht eine grosse Nachfrage an qualifizierten und professionellen Künstlerinnen und Künstlern. Dies gilt besonders für die Hauptstadt Managua, wo rund ein Viertel der Bevölkerung des Landes lebt.

Persönliche und gesellschaftliche Entwicklung
Lachen und Vergnügen, ein bedeutender Aspekt des Trainings, ist ein Heilmittel für soziale Probleme wie Stress, Depression und Verzweiflung. Dieser nichtkonventionelle Aspekt des Programms ist in einem Land wie Nicaragua, mit dessen von Bürgerkrieg, Erdbeben und Hurricanes geplagten Bevölkerung, nicht zu unterschätzen. Im Rahmen dieses Projektes werden die Kinder und Jugendlichen nicht nur in Unterhaltungskünsten ausgebildet, sondern sie bringen mit ihren Vorführungen und Workshops Freude, Lachen und Vergnügen in die oft düsteren Aussenquartiere.>

Die Schaffung eines sozialen und ökologischen Bewusstseinsist ein weiteres Anliegen des Projektes. Umweltschutz, respektive ein Bewusstsein für die Umwelt, ist in Lateinamerika erst in Anfängen vorhanden.

Dabei wäre die Sensibilisierung der Bevölkerung in diesem Bereich von grösster Bedeutung. Unrat liegt überall herum und ein Grossteil der Bevölkerung in diesen Ländern hat bis heute den Zusammenhang von Abfall und Gesundheitsproblemen, Grundwasserverschmutzung und Infektionskrankheiten nicht realisiert.
Die Ausbildung vermittelt wichtige Werte wie Solidarität, Kooperation, Toleranz, Teamwork und Respekt für die Mitmenschen und die Natur und fördert das kreative Potential der Kinder für neue Lösungswege. Die Theatervorstellungen und Darbietungen der Truppe sind ein Mittel, der Bevölkerung diese Problematik vor Augen zu führen. Ziel ist es, ein Bewusstsein für die Erhaltung der Umwelt und die Verantwortung eines jeden Einzelnen für die Gesellschaft zu vermitteln.

Weitere Informationen

Website des Projekts

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