"Nafsi Acrobats" ist eine Gruppe von KünstlerInnen aus den Slums um Kenias Hauptstadt Nairobi. Die ArtistInnen stammen aus armen Familienverhältnissen. Für die Verwirklichung ihrer Träume haben sie hart gearbeitet und sind deshalb stolz auf ihr professionelles Niveau. Als die Gruppe uns in der Hansestadt Hamburg besucht, nutze ich die Zeit um mehr über die Jugendlichen zu erfahren. Die 15-jährige Cynthia Atieno ist Akrobatin, Tänzerin und Verrenkungskünstlerin bei Nafsi. Während meines Gesprächs mit ihr erzählt sie mir ihre Geschichte vom Leben im Slum und der Reise nach Europa.

Erzähl mir etwas von dir!

Ich bin Cynthia, bin 15 Jahre alt und gehe noch zur Schule. Meine Lieblingsfächer sind Mathe und Englisch und wenn ich groß bin möchte ich Akrobatin oder Model werden.

Was magst du an Akrobatik?

Ich mag Akrobatik weil es meinen Körper fit hält. Es entspannt meinen Geist und meinen Körper. Und weißt du, in Akrobatik kannst du sogar gesponsert werden! Wenn du Glück hast, sponsert dich jemand oder gibt dir finanzielle Unterstützung für die Zukunft. Das ist wirklich besonders. 

Wie kamst du zu den Nafsis?

Als ich klein war, kam eine Frau immer wieder zu unseren Feldern und fing an die Jungs aus meiner Nachbarschaft in Akrobatik zu unterrichten. Zu der Zeit beschloss ich Akrobatin zu werden. Ich ging zu ihr und fragte, ob sie auch ein Mädchen unterrichten würde. Ich war zwar noch sehr klein aber sie stimmte mir zu. Seitdem habe ich wirklich hart trainiert und wurde schlussendlich sogar für die Reise nach Deutschland ausgewählt!  Ich und Pitalis, waren die Einzigen aus unserem Viertel.

Wo lebst du denn in Nairobi?

Ich komme aus den Baba Dogo Slums. Dort lebe ich mit meinen Eltern und meinen drei Brüdern in einem Haus.

Wie ist es für dich als einziges Mädchen?

Ich mag es mit Jungs Zeit zu verbringen. Weißt du Jungs haben viel Energie und Kraft und können dir Sachen beibringen! Sie sind nicht so zimperlich und schwach wie Mädchen. (lacht) Das gefällt mir! Trotzdem muss ich meine Mutter natürlich im Haushalt unterstützen. Ich wasche und koche mit ihr und passe so oft es geht auf meine kleinen Geschwister auf. Aber natürlich nicht während der Schulzeit. Wenn du in Kenia die Schule schwänzt, können deine Eltern dafür ins Gefängnis kommen, weil sie dir das Recht auf Bildung verwehren. Wenn du allerdings auf der Straße lebst, geht dieses Recht verloren.

Freust du dich schon, bald dein eigenes Bett wiederzuhaben?

Ich habe kein eigenes Bett. Ich schlafe auf dem Stuhl! Zuhause schlafen wir alle in einem Zimmer. Mein kleiner Bruder teilt sich das Bett mit meinen Eltern, ich habe den Stuhl und mein Bruder eine Matratze auf dem Boden.

Was ist, wenn ihr Besuch habt und du schlafen willst?

Das geht dann nicht. Ich setze mich dann in eine Ecke und versuche mich zu entspannen. Weißt du, wenn du Besuch hast, darfst du ihnen nicht zeigen, was du wirklich denkst. Du musst so tun, als wäre alles gut, auch wenn es das nicht ist. 

Unterstützt ihr euch auch gegenseitig in den Slums?

In den Slums sind überall Menschen. Aber jeder kämpft für sich selber, wir sind keine Gemeinschaft. Das Einzige, was wir gemeinsam teilen ist der Brunnen, in dem wir waschen. Aber auch hier kommt es nicht immer zu Gesprächen.

Angenommen, ich wäre ein Tourist in Kenia. Was würdest du mir raten? 

Sehr einfach: gehe nicht in der Nacht nach draußen. Hast du zum Beispiel kein Geld bei dir, kann es sein dass dich die Leute einfach umbringen. Sei vorsichtig. Kenia ist kein gutes Land. Es gibt viele Plätze, an denen du überfallen werden kannst. Die Leute kommen ohne Grund auf dich zu und erstechen dich. Als ich klein war, hielt ich die Warnungen nur für Gruselgeschichten. Aber inzwischen weiß ich, dass diese Vorfälle häufig passieren und musste es auch schon mit ansehen.

Wie war es für dich, nach Deutschland fliegen zu dürfen?

 Das war mein großes Ziel! Ich habe auch danach nicht aufgehört zu trainieren sondern habe immer härter an mir gearbeitet, auch in der Schule! Schule ist mir sehr wichtig, denn es hilft mir dabei, meine Ziele zu erreichen. Auch hier habe ich viel Wert darauf gelegt, weiter zu lernen. Joylet und Naman haben uns unterrichtet und wir mussten sogar Arbeiten in Mathe und Englisch schreiben!

Und was gefällt dir am Besten an Deutschland?

Alle Länder, in denen Weiße leben, sind gute Länder. Ihr lebt hier in Sicherheit und braucht euch keine Sorgen zu machen. Das ist ein großes Privileg, dem ihr euch glaube ich nicht so bewusst seid!

Was gefällt dir am Besten an Kenia?

Die Menschen in Kenia begrüßen jeden. Auch die, die sie nicht kennen. Und wenn sie dich lieben, dann lieben sie dich aus ganzem Herzen.  

Was hast du für ein Gefühl bald zurück nach Baba Dogo zu fliegen?

Einhundert Prozent glücklich! (lächelt) Ich freue mich so auf meine Mama und auf den Rest meiner Familie.

Ich bin mir sicher, sie freuen sich auch auf dich. Vielen Dank, Cynthia! Asante sana!

Interview & Dokumentation: Julie Frost


























| Zurück | Kontakt | Impressum |