Djovana

Im Oktober 1992 machten sich die beiden Musiker Markus Keusen und Marcel Rutschmann auf zu einer Reise nach Moçambique. Sie verliebten sich in Land und Leute und in den folgenden Jahren reifte ein unglaublicher Entschluss heran: Auswandern in dieses von einem langen und brutalen Bürgerkrieg gebeutelte Land und dort ein Musikprojekt aufziehen.

Im Oktober 1995 war es soweit: Die beiden hatten ihr Hab und Gut in einem Container verstaut und zogen von dannen – nach Beira, der zweitgrössten Hafenstadt des Landes. Was sie dort erwartete war die betörende Schönheit und der eigenwillige Spirit von Afrika, grosse Armut und viel Lebensfreude, die ersten Gehversuche einer jungen Demokratie und das flirrende Chaos einer langsam erblühenden Wirtschaft.

Als erstes musste eine Wohnung renoviert werden. Was im zweitärmsten Land der Welt seine Zeit dauert. Dann legten Markus und Marcel im lokalen Kulturzentrum Hand an und bauten einen Übungsraum, was noch länger dauert. Afrika braucht Zeit, in jeder Hinsicht. Alles ist nervenaufreibend, alle haben etwas zu sagen, die zwei Suiços wecken da und dort Begehrlichkeiten und weil sie ihr Projekt ohne grosse Institution im Rücken vorwärts treiben, sind sie dem einen oder anderen Lokalfürsten in Beira zuweilen suspekt.

Aber noch im Lauf des Jahres 1996 organisieren die beiden die ersten Workshops, geben Musikstunden, machen Aufnahmen mit verschiedenen Musikern und lancieren einen Talentwettbewerb. Dort tauchen vier Kids auf, um die 14/15 Jahre, mit eigenen Texten, die sie mit selbstgebastelten Grooves dem staunenden Publikum in die Ohren rappen. Djovana war geboren.

Marcel und Markus nehmen die vier Kids unter ihre Fittiche. Zu den eindringlichen Texten von Remigio, Municua, Helio und Nilsa – sie handeln vom Krieg ebenso wie von der puren Lebensfreude – komponieren sie professionelle Songs und Sounds, sie proben, machen Aufnahmen und produzieren eine CD, die im Frühjahr 1997 erscheint.

Ein Kunststück. Denn in Beira gibt es kein Tonstudio und die Hauptstadt Maputo liegt 1000 Kilometer entfernt. Marcel produziert mit einfachstem Equipment in seinem Schlafzimmer, er kämpft mit Stromausfällen (die manchmal Tage dauern) und extremer Luftfeuchtigkeit, die seinen digitalen und analogen Gerätschaften mächtig zusetzen. Für die Einspielung der Musik werden der Gitarrist Rolf Mosele und der Saxophonist Klaus Widmer aus der Schweiz sowie der Perkussionist Zé Maria aus Maputo eingeflogen. Markus spielt das Schlagzeug, Marcel den Bass, die Kids rappen. Aus dem eingespielten Material entsteht ein Masterband, mit dem Markus in die Schweiz fliegt und im Label Sound Service den richtigen Partner findet.

Noch im gleichen Jahr organisieren Markus und Marcel zusammen mit dem Schweizer Musiker Daniel Küffer – der übrigens beim ersten Trip nach Moçambique von 1992 ebenfalls dabei gewesen ist – eine Schweizer Tour mit rund 25 Auftritten und zehn Workshops. Ein Jahr später folgt die zweite Tour in die Schweiz, u.a. mit einem sehr erfolgreichen Auftritt am Open Air Festival St. Gallen und ein Gastspiel am Kongress der International Society for Music Education in Pretoria/Südafrika.

Nach vier Jahren kehrt Markus 1999 mit seiner mozambikanischen Frau Sandra und der gemeinsamen Tochter Mayara in die Schweiz zurück – ein Familienleben erweist sich in der nach wie vor chaotischen und schlecht organisierten Hafenstadt als Problem. Marcel bleibt – und coacht weiterhin die musikalischen Gehversuche der vier Rapper. Und er produziert mit Musikern aus Moçambique, nach wie vor ist er im Umkreis von mehreren hundert Kilometern der einzige mit einem Recording – Equipment.

Die vier Djovana-Kids schliessen momentan ihre Schule ab und sind inzwischen zu engagierten Jungmusikern herangewachsen. Sie treten regelmässig in Beiras angesagtestem Club auf und freuen sich auf einen weiteren Abstecher nach Europa – mit Rap de Moçambique zur KinderKulturKarawane 2001.

Mehr über Djovana, die Hafenstadt Beira und das Musikprojekt von Markus und Marcel in Moçambique lesen Sie hier

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