Brazil Kids

Mestre Claudio stammt aus den Armenvierteln in Resende, einer kleinen Stadt nahe Rio. Ein höflicher, stiller Mann, der keinerlei Aufhebens um sich macht, obwohl er Meister der klassischen Capoeira ist. Zudem ist er seit zwei Jahren „Botschafter“ einer brasilianisch-deutschen Kooperation zwischen Mauá und Ostrhauderfehn. Mestre Claudio unterrichtet Capoeira in verschiedenen Gruppen mit fast 500 Kindern und Jugendlichen aus Resende und Umgebung. In Ostrhauderfehn hält er seit zwei Jahren Workshops in Schulen und therapeutischen Einrichtungen ab.

Capoeira
Capoeira ist eine Mischung, die sich ursprünglich aus der Kampftechnik, dem Tanz und der Musik von aus Angola nach Brasilien in die Sklaverei verschleppten Schwarzen entwickelt hat. Capoeira bietet Bewegung sowie Arbeit in der Gruppe, es erfordert Fitness und Respekt vor dem Gegner; somit werden sowohl Disziplin als auch intakte Sozialgemeinschaften gefördert. Aufgrund dieser positiven Eigenschaften ist Capoeira inzwischen in allen Gesellschaftschichten populär, insbesondere bei den Kids in den Vorstädten und Favelas.

Ein Mestre ist nicht nur Trainer für neue Bewegungsformen. Er hält vor allem auch die Gruppe zusammen und kümmert sich um die Probleme der einzelnen Mitglieder. Capoeira schult sowohl die Kreativität als auch die sozialen Fähigkeiten. Man kann stark sein, ohne anderen zu schaden. Man kann schwach sein, ohne ausgelacht zu werden. Man kann besser werden MIT den anderen, aber im individuellen Tempo. Man kann singen, das Pandeiro, die Conga oder die Berimbau spielen. Man kann neue Texte dichten. Man lernt vieles über sich, über die Mitmenschen und über die Geschichte. Das Selbstbewusstsein schwarzer Capoeiristas wächst auf das Maß der weißen; ebenso gleichberechtigt gehen Jungen und Mädchen, junge und ältere Jugendliche miteinander um.

Seine Arbeit in Brasilien
Mestre Claudio ist deshalb beauftragt vom Jugend- und Schulamt der Präfektur in Resende und arbeitet eng zusammen mit MUTIRUM, einem Projektverbund sozialer Einrichtungen. Der Ostrhauderfehner Verein „Partnerschaft Mirantao / Mantiqueira“ hat diese Arbeit des Mestre erweitern können durch die Unterstützung von Bingo-Lotto. Mestre arbeitet nun im Projekt „Ginga do Brasil“ auch in einer Einrichtung für Behinderte, in einem Waisenhaus und in den Schulen rund um Maua, dem Sitz der Partnerschule der Ostrhauderfehner Orientierungsstufe – alles Arbeitsstätten, die sich Capoeira-Gruppen bisher nicht leisten konnten.

Mestre betreut die verschiedensten Gruppen. Er besucht sie, weist seine Assistenten ein, hält kleine Reden über die Geschichte der Capoeira, über Benehmen und neuerdings auch über das friedliche Zusammenleben der Völker. Oft reist er mit interessierten Mitgliedern einzelner Gruppen zu anderen Gruppen. Sie spielen und tanzen dort mit, sind Gäste, Hilfslehrer, Kontaktemacher und Schüler, die lernen, wie man in anderen Regionen lebt, aber auch, wie der Mestre lehrt.

Seine Arbeit in Deutschland
Was gut ist für Kids in Brasilien, muss auch den deutschen Kids gut tun – so die Annahme des Vereines in Ostrhauderfehn, der den Mestre im vergangen Jahr als Versuch einlud in den Schulen in Ostrhauderfehn im Rahmen des Ostrhauderfehner Präventionsverbundes von rund 15 Einrichtungen zu arbeiten. Man gab ihm die „schwierigen“ Kids, nervös, disziplinlos teilweise, teils aggressiv. Nach wenigen Trainingsstunden war klar: ein kleines Wunder geschieht. Sei es die Ausstrahlung des Mestre, sei es die Bewegungsform oder seien es die Rituale der Gruppen. Die Kids waren fasziniert und begeistert, die Lehrer verwundert. Was macht der Brasilianer, warum wirkt er so …..

Beim zweiten Besuch in Deutschland wurde der Aktionskreis erweitert. Angesprochen waren Projekte mit Jugendlichen, mit Straffälligen, mit Drogenabhängigen. Und wieder die gleiche Erfahrung: Der Mestre zähmte und faszinierte selbst diese „harte“ Gruppe in verschiedenen Einrichtungen. Diesmal war er mit seinem Assistenten Halley, einem 17Jährigen brasilianischen Schüler als Übersetzer (portugiesisch – englisch) fast 4 Wochen unterwegs in den Einrichtungen und Schulen.

Interkulturelle Bildung oder Prävention oder Therapie oder Globales Lernen? In jedem Fall ein erfolgreicher Versuch zu beweisen, dass die Länder und Partnerprojekte sich mehr zu geben haben als Geld. Es geht tatsächlich um die Suche nach den besten Methoden mit Problemen und Zukunft fertig zu werden, nicht um die Missionierung der „Unterentwickelten“. Und in dieser Frage hat zum Beispiel Brasilien ein Menge zu bieten, wie das Ostrhauderfehner Partnerschaftsprojekt in vielen Seminaren und Workshops, Webprojekten und Unterrichtsprojekten bewiesen hat. Zuletzt arbeiteten neben dem Mestre mit der „Capoeira“ auch Musiker, Künstler und andere Experten mit im „Millenium-Village“, dem Tandem-Versuch ein deutsch-brasilianisches Zukunftsprojekt auf die Bühne zu stellen (www.millenium-village.de ).

Das ursprüngliche Projekt heißt „Ginga do Brasil“ und wird u.a. von Bingo – der Umweltlotterie gefördert. Inzwischen ist das Projekt „Ginga“ ein Herzstück lokaler deutsch-brasilianischer Bemühungen um Gewalt- und Drogenprävention. Mestre Claudio ist im Rahmen seiner Arbeit in Brasilien und im Nordwesten Deutschlands ein Partner der Einrichtungen geworden und fast regelmäßig im Herbst in Deutschland.

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