Juliano, wir deine Kinder, wir gehen deinen Weg weiter!

Juliano Mer-Khamis wurde am 7.4.2011 im Kibbuz Ramot Menashe neben seiner Mutter nach bewegenden Abschiedsfeiern beigesetzt. Eine Welle der Betroffenheit, des Abscheus über den feigen Mord und der Solidarität mit dem Projekt bewegt sich durch Palästina und Europa. In Deutschland haben alle großen Zeitungen über den Mord berichtet. Theater, Freunde, Unterstützer organisierten Traueranzeigen und Gedenkveranstaltungen in den nächsten Tagen. Im Hintergrund steht bei allen: wie wird es mit dem FREEDOM THEATRE jetzt weitergehen? Wie können wir einen Beitrag zur Zukunft des Projektes beitragen?
Die Studenten der „Acting School“ des „The Freedom Theatre“ haben am Grab von Juliano Mer-Khamis einen Weg vorgegeben:

“Juliano, your mother’s children have passed away, your mother Arna has passed away and so did you – but your children are going to stay, following your path on the way to the freedom battle, and we will go on with your revolution’s promise, the Jasmine revolution.
“The Revolutionary message will not pass away. It will come storming the yellow sands and the mountains covered by almond trees, blowing the jasmine revolution out of the freedom fighter’s hands, from here, from the Freedom Theatre’s stage, where men were and are made to be free and engaged in the cultural revolutionary battle for Freedom.
“In thousands of silences only one violin is playing, and in thousands of silences only one voice is rising up, it’s the freedom fighters’ voices, to which you taught how to carry the cultural gun on their shoulders.”
Juliano’s Children

Die Tournee des FREEDOM THEATRE im Herbst durch Deutschland und Österreich wird weite vorbereitet, vielleicht wird sie wichtiger denn je. Tsafrir Cohen, Mitarbeiter von „medico international“ hat diesen 7. April zwischen Jenin, Haifa und dem Kibbuz Ramot Menashe zusammengefasst:

Juliano Mer Khamis – Sein letzter Tag
Der Abschied entsprach seinem Leben. Der letzte Weg des Juliano Mer Khamis machte die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen zwischen Israelis und Palästinensern schmerzhaft bewusst, doch an jedem Ort, an dem sein Leichnam Station machte, konnten eben diese Grenzen, für einen kurzen Augenblick aufgehoben, ja gesprengt werden.
Es waren bedrückende Momente, als sich am Vormittag Tausende vor dem Al Midan Theatre in der israelischen Hafenstadt Haifa versammelten. Julianos Stadt. Die Menschen strömen hinein ins Dunkle des Bühnenraums, da ist der Sarg aufgebahrt, dann hinaus. Geblendet von der Frühlingssonne bilden sie Menschentrauben. Es sind israelische Palästinenser – manche nennen sie israelische Araber -, jüdische Israelis und mehrere Dutzend Palästinenser aus der Westbank, die eine Sondergenehmigung für den Tag erhalten hatten. Größen der Theater- und Filmbranche, Aktivisten, Nachbarn, die alte Garde der israelischen Kommunisten. Der einzigen Partei, die sich als Heimat beider Völker verstanden hatte und sich dies zum zentralen Slogan machte. In dieser verschlafenen nordisraelischen Stadt gibt es manche Straßen, in denen Juden und Palästinenser selbstverständlicher miteinander leben als anderswo. Und jetzt, eine kurze Momentaufnahme, scheinen diese überschaubaren Koexistenz-Kieze sich auf die zentrale Straße auszubreiten. Da hissen mehrere Aktivistinnen die palästinensische Fahne. Doch die Polizei greift nicht ein und kümmert sich lediglich um den Verkehr, und die Teilnehmer wispern unbeeindruckt weiter auf Hebräisch und auf Arabisch. Immer wieder brechen Menschen in Tränen aus, vor allem die Schauspielschüler und die Mitarbeiter des Freedom Theatre Jenin wissen nicht wohin mit ihrer Trauer, in dieser fremden Stadt ihrer Besatzer, die sie größtenteils zum ersten Mal sehen. Als Jenny, die Witwe kommt, in Schwarz, ihr von blonden Haaren umrahmtes Gesicht kreidebleich, hochschwanger, beherrscht sich kaum noch jemand.
Von Haifa fährt ein Korso nach Jalame, dem berüchtigten Checkpoint nahe Jenin, der Israel von den besetzten Gebieten trennt. Palästinenser aus der Westbank und Gaza erhalten kaum Genehmigungen Israel zu betreten, folglich können viele Wegbegleiter dem Begräbnis nicht beiwohnen. Auf der anderen Seite können jetzt Freunde aus Jenin und der restlichen Westbank um seinen Leichnam trauern. Ein Sonderkorridor wird für den Sarg eröffnet. Es sind israelischen Soldaten und Offiziere, nicht die gewohnten unverschämten Kräfte der privaten Sicherheitsfirmen, die uns empfangen. Mit Respekt. Wir können nicht mit auf die andere Seite, die Sicherheitsprozeduren wären zu umfangreich, wir kämmen nicht rechtzeitig zurück. Zu Hunderten stehen wir am Zaun, schauen auf die andere Seite, auf die Westbank. Das Gefühl der Ohnmacht steigt. Doch als der rote Leichenwagen Juliano und einige Begleiter auf die andere Seite bringt, gibt es stehende Ovationen. Juliano hat diese unüberwindbare Grenze überschritten.
Der rote Leichenwagen kommt zurück, und wir fahren weiter zum Kibbuz Ramot Menashe. Dort ist Arna, Julianos Mutter und Gründerin des Freedom Theatre begraben. Eine Grenzgängerin, Jüdin und Kommunistin, verheiratet mit einem Palästinenser. Da gab es kaum einen Friedhof, der sie aufgenommen hätte. Ein idyllischer Ort, besonders jetzt, während des kurzen Frühlings. Wildmohn, Margariten, Narzissen, sattes Grün der Wiesen wechselt sich ab mit blühendem Mischwald. Hier wird Juliano zu Grabe getragen. Es ist spät am Nachmittag, und die Menschen sind gefasst. Kaum einer bricht noch laut in Tränen aus. Es soll eine richtige Feier sein, keine Trauerfeier, wir sollen klatschen wie nach einem geglückten Theaterabend. Die Reden werden in Arabisch, dann Hebräisch gehalten. Ein jüdischer Aktivist und Holocaustüberlebender spricht, ein palästinensischer Theatermacher, ein israelischer Filmemacher, ein palästinensischer Widerstandskämpfer bzw. Ex-Terrorist. Es klingt selbstverständlich, eine Übersetzung ist irgendwie nicht nötig. Es war ein palästinensisches Ereignis, und es war ein jüdisch-israelisches Ereignis. Und beide Elemente gingen ineinander über, und es war ein Moment selbstverständlichen Zusammenseins. Es wurde Abend, und wir gingen auseinander, jeder an seinen Ort.

Siehe auch „100 Prozente Juliano“ auf „Quantara.de“

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