Ivan Nogales: „Wir sind Karawanen“

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Ivan Nogales, Teatro Trono / COMPA

Ivan Nogales (Teatro Trono), war Ende Oktober Teilnehmer des zweiten Kongresses „Cultura viva comunitaria“, CVC, (in etwa „lebendige Stadtteilkultur“ oder „Basiskultur) in El Salvador. Zusammen mit Mario Rodriguez vom bolivianischen „Red de la Diversidad“ repräsentierte er das CVC-Netzwerk in Bolivien. Beide sind zudem Mitglieder des Beirats der CVC in Lateinamerika.
Im Jahr 2012 realisierte Teatro Trono die „Karawane für das Leben“, ein Projekt, das auf kontinentaler Ebene großes Aufsehen im Bereich der CVC erregte. Schon mehr als zehn Jahre zuvor, war Teatro Trono dabei, als die KinderKulturKarawane in Deutschland startete. An diesem Projekt hat die Gruppe dieses Jahr zum 10ten Mal teilgenommen hat.

plakat_caravanaVor ein paar Jahren war Trono Gastgeber und Teilnehmer der Karawane Argentinien – Bolivien, die von der Cooperativa „La Communitaria de Rivadiva“ und angrenzenden Gemeinden realisiert wurde. Trono bereitet sich mit dem Stück „Arriba el Alto“ auf die nächste Karawane vor, die im März nächsten Jahres auf argentinischem Boden stattfinden wird.
Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus einem Aufsatz, der die „Karawanen“ als notwendige Projekte beschreibt, da sie als eine Ursache für das Zusammentreffen von Kulturen gelten. Die Karawanen sind heute zentrale Projekte, die aus dem II. Lateinamerikanischen Kongress Cultura Viva Comunitaria hervorgegangen sind.

Wir veröffentlichen den Text von Ivan Nogales natürlich gerne, weil wir seine Gedanken für sehr wichtig halten. Mit Ivan Nogales und Teatro Trono und COMPA arbeiten wir zudem schon seit 1998 intensiv zusammen.
Die erste „Kulturkarawane“ ist uns 1989 mit der „Asiatisch-pazifischen Kulturkarawane“ des „Asean Council for People’s Culture“ begegnet. Zusammen mit Kollegen aus Österreich haben wir sie damals organisiert. Sie ist ein Namensgeber für die „KinderKulturKarawane“ geworden.

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WIR SIND KARAWANEN
Die Menschheit gleicht einer stürmischen Flut von Wellen, die sich untereinander vermischen, bis sie als neue Arten wieder hervorkommen. Unsere Vorfahren sind wie große Ameisenstraßen über die Erde gezogen, sie sind von Ort zu Ort gewandert, immer auf der Suche nach einem besseren Leben. Sie gewöhnten sich an neue Orte, fanden andere Menschen, andere Arten von Leben und Lebensstilen, mit denen sie sich bekanntmachten und mit denen sie Orte zum Zusammenleben gestalteten. Die Kultur, oder die Kulturen, können als Ströme von Gemeinschaften gesehen werden, die von hier nach da und zugleich zu sich selbst gereist sind. Heute, wo wir das Privileg haben, Grenzen überwinden zu können und andere Gemeinschaften treffen zu können, feiern und erinnern wir uns einfach an dieses unaufhörliche alte Ritual von Begegnungen.
caravana_en_rioDie verschiedenen Kulturen wurden sesshaft und haben sich Identitäten geschaffen, innerhalb derer oft Grenzen und Zäune, sowie kleine oder auch große Blasen errichtet wurden, mit denen sich von den anderen abgegrenzt und gegenüber anderen geschützt werden konnte. Chauvinismus, Nationalismus, Religiosität und Ideologien bauten sichtbare und unsichtbare Grenzen auf, die gegen den Gedanken von freien Vögeln, die nichts von Grenzen wissen, verstießen.

Bewegungen von hier nach da
Heute leben wir in einer Gesellschaft voller Vorschriften und Grenzen. Wir leben in Kulturen, die sich mit starren Identitätsmustern rühmen. Aber es scheint so, als ob trotz Gehorsamkeit und martialischer Disziplin, trotz fester Verbundenheit mit der Gesellschaft viele bereit sind, die Jahrtausende alte Geschichte von diesen errichteten Mauern zu durchbrechen, Mauern die errichtet wurden, um zu verhindern die anderen zu umarmen..
copacabana_boliviaEs ist unmöglich, die Karawanen der Gesellschaft aufzuhalten, die Orte zum Zusammenleben, und zwar zu einem guten Zusammenleben in Fülle, Harmonie und Gleichgewicht suchen.
Denn die Geschichte der Menschheit besteht aus eben diesen Karawanen, aus Bewegungen von hier nach da, aus Geschichten vom großen Unbekannten, hinter dem oftmals steckt, wer die anderen sind. Sie erzählt vom Suchen und Finden der Anderen, was oft mit einer Reise zu sich selbst endet.

Farbe, Freude, Poesie oder Gestik
Und in dieser Geschichte, auf einem weiterverzweigten Weg, liegen die kreativen Projekte, liegt die Demonstration von geballter Freude, die das Zusammentreffen mit anderen beinhalten kann, liegt die Sprache, die Personen und Gemeinschaften zusammenhalten kann. Hier liegt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, hier liegen aber auch die Erinnerungen an die Vergangenheit und die Zukunft, an die persönlichen und gemeinsamen Träume. Hier liegen die erfundenen Personen, die mit uns träumen, mit denen wir Tempel errichten und mit denen sich letztendlich das ganze Leben auf einen Moment reduziert, auf die intensivste Umarmung oder das herzlichste Lachen. Farbe, Freude, Poesie oder Gestik, das ist das, was einige Kunst nennen, andere nennen es anders.

SLIDES-CVC-8-960x498-960x498Kreative sind freie Vögel
Diese kreativen Ausdrücke sind es, durch die man sich anderen nähern und mit ihnen in Dialog treten kann, die ganz offen über die errichteten Mauern spotten, die von der Existenz dieser Grenzen berichten, aber die sich gleichzeitig keinen Deut darum scheren. Die Kreativen sind diese freien Vögel, die sich nähern, neu erfinden, nicht nur mit Worten sondern auch ganz realistisch; die Orte suchen, wo sich alle wohlfühlen, wo Zusammenleben möglich ist, wo eine Erinnerung an unsere Vorfahren und die Gesellschaft aus der wir stammen, möglich ist. Diese Körper durchbrechen nicht nur Grenzen, sondern auf ihnen stehen auch Erinnerungen und sie sind von ihren Kulturen gezeichnet.

Umarmung der Kulturen
CVCSV-BANER-PEQ-ANCHO-300PX-RES72Wir, die kreativ arbeiten, sind diese Karawanen. Weil es unmöglich ist etwas zu erschaffen ohne zu wachsen, ohne behutsam mit dem umzugehen was man erschafft, ohne zu teilen, ohne zu reisen, ist der Dialog das, was am fruchtbarsten ist. In der künstlerischen Schöpfung, entfalten wir unsere besten Möglichkeiten und in der Notwendigkeit uns schön darzustellen, damit wir mit anderen in Dialog treten können. Weil man unsere Werke teilen, sich über sie austauschen, sie annehmen und durchqueren kann, öffnen sie sich auch anderen. Denn diese Werke sind der beste Ausdruck für die beste Umarmung der Kulturen.

Dauerhafte Karawane
SLIDES-CVC-6-INVITACIÓN-INAUGURACIÓN-960x498-660x330Wir erinnern uns und zeigen die Migrationsströme unserer Vorfahren, die pausenlosen Karawanen auf dem Weg zueinander. Der poetische Körper – Schöpfer – Künstler findet Resonanz in der Nostalgie, im Samen, in der Wurzel.
Deswegen haben wir uns in „Dauerhafte Karawane“ umbenannt, nachdem wir 2012 die „Karawane für das Leben“ realisiert haben, die auf dem ersten lateinamerikanischen Kongress für lebendige Stadtteilkultur für großes Aufsehen gesorgt hat, und die heute, ganz offen Regeln, Grenzen und bestehende Beschränkungen untergräbt.

Die Realisierung von Karawanen, die als Projekte die lebendige Stadtteilkultur vorantreiben, ist eine der Vereinbarungen dieses 2. Kongresses. Später werden wir über die nationalen Kongresse und über die „Organicidad del Consejo Latinoamericano“ der lebendigen Stadtteilkultur, die nichts anderes als die AJAYU, die Essenz, die lebenswichtige Energie für Ziele und Horizonte der lebendigen Stadtteilkultur ist, sprechen.

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