„Wir sind alle Kinder von Ananse“

Die jungen KünstlerInnen von KAYEYE

Die Vorbereitungen der kolumbianischen Gruppe KAYEYE für die KinderKulturKarawane 2014 laufen auf Hochtouren. Zurzeit sind sie intensiv dabei, die Pässe für alle Beteiligten zu beschaffen – und das ist ein ziemlich bürokratischer Aufwand, wie überall auf der Welt. Schwierig ist es insbesondere wegen der „minderjährigen“ Gruppenmitglieder. Zum Glück sind die beiden Leiter des Projekte erfahrerne junge Männer: Fabio war 2003 mit „Taller de Vida“ aus Bogotá bei der KinderKulturKarawane dabei, Carlos sogar schon zweimal: 2003 und 2006.

Vor kurzem hatte die Gruppe die Gelegenheit in den Räumen von LA CANDELARIA zu proben, eines der seit Jahrzehnten wichtigsten Theaterprojekte Lateinamerikas. In diesen Räumen wird der Ansporn groß, was „richtig Beeindruckendes“ auf die Bühne zu bringen. Damit auch der „äußere Eindruck“ stimmt, hat sich die Gruppe wunderschöne T-Shirts für die KinderKulturKarawane 2014 produzieren lassen.

Eine kleine Hebamme.

Worum geht es in ihrer Produktion „Ananse, uralte Fäden“?
Hintergrund des Stückes ist eine Sage des Stammes der AKAN aus dem Süden Ghanas. Die Geschichte der Spinne Ananse erzählt davon, wie sie ein großes Netz spinnt, in dem sie die vielen Geschichten der Versklavten beherbergt, die ihrer Heimat entrissen und nach Südamerika verfrachtet worden waren. Dank Ananse leben diese Geschichten nun in vielen Regionen Amerikas, auch in Kolumbien, wieder auf.

In dem Stück von Kayeye wird Ananse durch die Gestalt der Hebamme verkörpert. Im Glauben der schwarzen Bevölkerung Kolumbiens sind die Hebammen diejenigen, die die Erinnerungen an die Vergangenheit aufrechterhalten und sie bewahren. Sie sind die ersten, die die Kinder der neuen Generation in ihren Armen halten und an die sie ihr gesamtes Wissen, das sie von unseren Vorfahren geerbt haben, weitergeben. Die Aufgabe der neuen Generation ist es dann auch, dieses Wissen zu bewahren. Diejenigen, die das Wissen bewahren, werden Kinder der Ananse genannt.

„Unser Stück spielt zunächst an den Orten wo wir geboren wurden, in der Nähe von Flüssen, wo die Hebammen in die Schluchten stiegen um ihre Kleidung zu waschen. Ein Fluss gab uns all das, was wir zum Überleben brauchten und in seiner Nähe entstand der Großteil der Tänze und Lieder, die zu einem wichtigen Teil unserer Identität und unseres Gebietes wurden.

Training in den Räumen von La Candelaria

Diese Orte waren voll von natürlichen Schätzen wie zum Beispiel Gold. Die Hebammen verarbeiteten diese auf künstlerische Art und Weise. Aber diese Schätze wurden auch von anderen gesehen, und schickten die Privatarmeen dorthin. Diese Armeen besetzten die Gebiete, übernahmen die Kontrolle und vertrieben ganze Familien aus ihren Dörfern.

Diese Privatarmeen waren paramilitärische Gruppen, die heute als „Águilas Negras“ (Schwarze Adler) schon in der dritten Generation als Kriminelle bekannt sind. In unserem Stück erwecken wir diese Raubvögel wieder zum Leben. Wir nennen sie so, weil sie so waren wie die Raubvögel – so wie sie ins Leben der Zivilbevölkerung eingegriffen haben und wie sie abscheuliche Verbrechen begehen konnten – ohne dass sie dafür verurteilt wurden. Die Zuschauer sollen etwas über deren wahre Absichten erfahren, über das, was Gewalt und bewaffnete Konflikte anrichten und wie die Gebiete unserer Ahnen  in einen Schauplatz dieses Konflikts verwandelt wurden. Sie sollen erfahren, wie Familien vertrieben wurden, alles hinter sich lassen mussten und nur das nackte Leben retten konnten.

Eine der Darstellerinnen mit dem T-Shirt für die KinderKulturKarawane

Heute leben wir in der Stadt, in Bogotá; weil wir vor der Gewalt geflohen sind. Aber wir vergessen nicht, woher wir kommen. Wir bewahren unsere kulturellen Traditionen weiterhin, indem wir versuchen, sie auf unterschiedliche Art und Weise an neue Zeiten und Orte anzupassen. Das bringt gewisse Herausforderungen mit sich, denen wir uns stellen, um unsere (schwarze) Kultur am Leben zu erhalten.

Deswegen möchten wir die Musik, die Tänze und jedes einzelne Element unseres mündlich überlieferten und nicht materiellen Erbes mit Stolz weitertragen und es durch unsere künstlerische Arbeit symbolisch wiedererschaffen. Wir möchten mit Ananse weiter die Netze spinnen die es uns erlauben, uns mit dem zu verbinden, was uns ausmacht, denn noch sind wir über unsere Nabelschnur mit dem Gebiet unserer Vorfahren verbunden. Wir sehnen uns danach dorthin zurückkehren zu dürfen.

Unser Stück endet mit der Freude, mit der wir unser Leben trotz aller Schwierigkeiten leben. Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, weiterhin unsere eigenen und gemeinsamen Träume verwirklichen zu könnnen und vor allem werden wir nicht vergessen, wer wir sind: Wir sind alle Kinder von Ananse.“

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