{"id":1292,"date":"2012-08-14T09:23:05","date_gmt":"2012-08-14T09:23:05","guid":{"rendered":"http:\/\/kkkarchiv.strengthen-creative-cooperation.eu\/?p=1292"},"modified":"2022-10-18T07:28:39","modified_gmt":"2022-10-18T07:28:39","slug":"zirkus-parada","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kinderkulturkarawane.de\/archiv\/?p=1292","title":{"rendered":"Zirkus Parada"},"content":{"rendered":"<p>Sie leben auf der Stra\u00dfe, in der Kanalisation oder auf dem heruntergekommenen Nordbahnhof: Die Stra\u00dfenkinder von Bukarest. Heute sind es um die 2500. Sie sind wie Auss\u00e4tzige vom Staat vergessen. Nur die Kanalisation bietet ihnen den notwendigen Schutz, um im harten rum\u00e4nischen Winter zu \u00fcberleben. Schaben und Ratten m\u00fcssen sie in Kauf nehmen, um wenigstens im Trockenen und Warmen zu sein. Gekocht wird auf dem Boden, Wasser zum Waschen gibt es nicht. Sie sind aus Heimen gefl\u00fcchtet oder aus Familien, in denen sie geschlagen wurden, oder in denen das Geld fehlte. Die \u00d6ffentlichkeit wurde 1989 auf die Stra\u00dfenkinder aufmerksam. Die Kinder von damals sind erwachsen geworden. Im Bukarester Nordbahnhof ist bereits die zweite Generation unterwegs. Hierarchien sind entstanden. Zudem konsumieren mehr als 75% der Kinder Drogen, inhalieren giftige L\u00f6sungsmittel.<\/p>\n<p>Am Anfang des &#8222;Ph\u00e4nomens&#8220; stand die Geburtenpolitik von Diktator Nicolae Ceausescu, der die Abtreibung in den 70er Jahren strikt verboten hatte. Jede Familie wurde angehalten, 3 bis 5 Kinder zu haben. Ab dem 4. Kind \u00fcbernahm der Staat die Versorgung, wenn die Eltern es allein nicht schafften. Die Kinder wurden von den Familien getrennt und kamen in Heime, wo auch heute noch rund 100.000 von ihnen mehr oder weniger vegetieren. Ein Teil suchte nach der Revolution die neue Freiheit auf der Stra\u00dfe. Jetzt ist zwar die Geburtenrate stark zur\u00fcckgegangen, doch die wirtschaftliche und soziale Misere st\u00fcrzt immer mehr Familien ins Elend.<\/p>\n<p>Als vor 11 Jahren der franz\u00f6sische Clown Miloud Oukili mit Fahrrad und roter Nase nach Bukarest auf Tournee kam, wurde er mit diesem Elend konfrontiert. Die Stra\u00dfenkinder kamen immer wieder zu seinen Vorstellungen. Er lernte ihre Sprache, er unterhielt sich mit ihnen und er versuchte sie von dem Drogenkonsum loszubekommen &#8211; und: er brachte ihnen erste Zirkustricks bei.<\/p>\n<p>&#8222;Das Leben ist hart und der Zirkus auch. Wenn man erfolgreich Zirkus machen kann, findet man auch Wege die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern. Zumindest ist das meine Philosophie. Der Zirkus ist ein Ausweg. Man wird verf\u00fchrt und findet Freunde in dieser Zirkuswelt. Das sind doch noch alles Kinder, und Kinder m\u00fcssen spielen, Im Zirkus gelingt es, die verlorene Zeit des Spielens wenigstens ein bisschen wieder nachzuholen. &#8220; (Miloud Oukili, Clown)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend 1989 den Stra\u00dfenkindern in Rum\u00e4nien noch Mitleid entgegengebracht wurde, sind es heute Hass und Abscheu. F\u00fcr viele Kinder ist das Leben in der Zirkusgemeinschaft eine ganz neue Erfahrung.<\/p>\n<p>&#8222;Miloud kam eines Abends mit einem Freund und dem Versorgungshaus CARAVAN zu uns auf die Stra\u00dfe und hat uns zu essen gegeben. Wir haben ein Feuer gemacht und Cola getrunken. Miloud hatte einige Zirkusger\u00e4te dabei und wir haben begonnen zu \u00fcben &#8211; zu jonglieren und Pyramiden zu bauen, Doch mit den Pyramiden, das war sehr sehr schwierig. Das klappte nicht, weil wir alle zu sehr unter Drogen standen. &#8220; (Liliana Voicu)<\/p>\n<p>Heute ist die kleine Zirkustruppe mit dem Namen PARADA immer h\u00e4ufiger auf Tournee. Vor allem in Italien und Frankreich ist sie gern gesehener Gast. Au\u00dfer einem festen Kern von gestandenen Akrobaten, sind es immer wieder neue Kinder, die Miloud mitnimmt.<\/p>\n<p>&#8222;In Bukarest existieren diese Kinder ja offiziell nicht. Sie haben ja keine Ausweispapiere und mit dem Grund der Auslandstournee verschaffen wir sie ihnen. Sie sind so pl\u00f6tzlich keine dreckigen Stra\u00dfenkinder mehr, sondern Kinder, die Zirkus machen und weil sie ihn gut machen, werden sie sogar ins Ausland eingeladen.&#8220; (Miloud Oukili, Clown)<\/p>\n<p>Miloud Oukili legt Wert auf Maske und \u00c4sthetik bei seinen Auff\u00fchrungen. Er malt ein L\u00e4cheln auf die Gesichter der Kinder, die in ihrem Leben bisher viel zu viel geweint haben.<\/p>\n<p>&#8222;Ich will keine wilden Clowns, sondern solche, die sich auf den anderen einlassen, diskutieren k\u00f6nnen und die gemeinsame Sache weiterbringen. Es darf nicht einfach der St\u00e4rkere siegen. Bei unseren Zirkuspyramiden tr\u00e4gt der St\u00e4rkste das Elend des Schw\u00e4chsten. Auf der Stra\u00dfe ist das genau umgekehrt. Da muss der Schw\u00e4chste den St\u00e4rksten tagen.&#8220; (Miloud Oukili, Clown)<\/p>\n<p>Mittlerweile hat PARADA mehr als 300 Stra\u00dfenkinder wieder integriert. Sieben Wohnungen konnten in Bukarest angemietet werden, in denen einige ein neues Zuhause gefunden haben. Sie gehen wieder zur Schule oder erlernen einen Beruf. Oder sie wurden zu Milouds Akrobatiklehrern und bringen den anderen das Jonglieren bei.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe dem Papst eine rote Nase gegeben und ihn gebeten, sie zu segnen. Denn diese Nase ist f\u00fcr uns zwar nur ein Plastikhilfsmittel, aber sie ist auch ein Symbol der W\u00fcrde und der Hoffnung. (&#8230;) Die Nase hat eine goldene Regel: Man muss sich selber respektieren, erst dann kann man den anderen respektieren. Sonst funktioniert nichts. &#8220; (Miloud Oukili, Clown)<\/p>\n<p>Clownpower gegen Gleichg\u00fcltigkeit. Miloud und seine Artisten sind die Botschafter der Stra\u00dfenkinder von Bukarest. Ob auf Tournee oder zuhause in Rum\u00e4nien. \u00dcberall machen sie auf ihr Projekt aufmerksam und geben so Kindern eine Lobby, die sie bisher nicht hatten.<\/p>\n<p>&#8222;Ich sage ganz einfach: Wenn es weniger Stra\u00dfenkinder g\u00e4be und mehr Menschen, die sich ernsthaft um sie k\u00fcmmerten, w\u00fcrde der Clown sein Fahrrad und seine rote Nase nehmen und nach Hause fahren.&#8220; (Miloud Oukili, Clown)<\/p>\n<p>Im Dezember 1999 erhielt Miloud f\u00fcr seine Arbeit den UNICEF-Preis. Doch mehr als Preise braucht es heute konkrete Hilfe, damit die Pyramide der Hoffnung f\u00fcr die Kinder von Bukarest nicht wieder zusammenbricht.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kinderkulturkarawane.de\/Karawane2001\/frame_parada.htm\">Weitere Informationen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie leben auf der Stra\u00dfe, in der Kanalisation oder auf dem heruntergekommenen Nordbahnhof: Die Stra\u00dfenkinder von Bukarest. Heute sind es um die 2500. Sie sind wie Auss\u00e4tzige vom Staat vergessen. 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