"Nafsi Acrobats" ist eine Gruppe von KünstlerInnen aus den Slums um Kenias Hauptstadt Nairobi. Die ArtistInnen stammen aus armen Familienverhältnissen. Für die Verwirklichung ihrer Träume haben sie hart gearbeitet und sind deshalb stolz auf ihr professionelles Niveau. Als die Gruppe uns in der Hansestadt Hamburg besucht, nutze ich die Zeit um mehr über die Jugendlichen zu erfahren. Abraham Ochieng ist Akrobat, Jongleur und Tänzer bei Nafsi und erzählt mir von seinem Leben in Nairobi, seinen Träumen und seinen Erlebnissen in Europa.

Erzähl mir etwas von dir!

Mein Name ist Abraham, oder Abra, oder Ibra. Die Leute nennen mich so wie sie wollen, such dir etwas aus. (lacht). Ich bin 17 Jahre alt und das hier ist meine erste Reise außerhalb von Kenia. Eigentlich gehe ich noch zur Schule und mache in eineinhalb Jahren meinen Schulabschluss. Am Wochenende findest du mich in Hallen oder auf Feldern, wo ich Aktobatik trainiere.

Was gefällt dir an Akrobatik?

Akrobatik...(denkt nach). Das ist Liebe. Akrobatik ist ein Teil von mir! Ich liebe es auf der Bühne zu stehen und Applaus für meine Kunst zu bekommen. Ich mache aber nicht nur Akrobatik sondern eher Zirkus. Schließlich jongliere ich auch viel.

Und wie bist du zum Zirkus gekommen?

Ich würde sagen durch meinen Mentor. Ich war ein kleiner Junge, vielleicht sechs Jahre alt, und sah immer meinem Nachbar bei seinem Akrobatiktraining zu. Er freute sich über mein Interesse und zeigte mir kleine Kunststücke, wurde zu meinem Mentor, zu meinem Vorbild. Als er dann anfing professionell bei Nafsi zu arbeiten, nahm er mich mit, sodass auch ich ein Teil von Nafsi wurde. Jetzt bin ich schon 11 Jahre dabei.

Möchtest du auch in der Zukunft weiterhin dabei bleiben?

Ja, aber ich möchte auch aufjedenfall studieren. Tatsächlich würde ich gerne Journalist werden, reisen und natürlich viel schreiben. In meiner Schule bin ich auch in der SchreibAG und versuche so oft es geht zu lesen. Allerdings ist mein Tag immer ganz schön voll.

Wie sieht denn ein typischer Tag in deinem Leben aus?

Also ich stehe um 4.30 Uhr auf. Um sechs Uhr gehe ich aus dem Haus und laufe zur Schule. Ich bin immer zu Fuß unterwegs, deshalb brauche ich etwas länger. Von sieben bis fünf habe ich dann Unterricht. Danach, vielleicht ab sieben, treffe ich meine Freunde in der Nachbarschaft oder muss noch Schulaufgaben erledigen. Abends bin ich dann immer ganz schön müde (lacht.)

Und wann findest du Zeit zum tranieren?

Samstags! Dann kommen die professionellen Akrobaten in ein Nachbarviertel um mit uns Kindern zu arbeiten. Auch da muss ich eine halbe Stunde hinlaufen, aber das mache ich gerne. Ich bin froh beschäftigt zu sein, denn das hält einen von dummen Gedanken ab.

Was ist dein Lieblingsplatz in Kenia?

Er heißt Naivasha. Das ist eine Stadt und liegt in der Nähe von einem Nationalpark. Dort bin ich einmal mit meiner Familie für eine Woche hingefahren! Das war unsere einzige Reise bisher. Wir haben sogar eine Tour gemacht und uns Elefanten und Löwen angesehen. Das war wirklich toll. Ich habe hier bislang noch keine Löwen gesehen. Gibt es hier überhaupt Löwen?

Löwen? Löwen kann man bei uns nur im Zoo sehen!

Ihr habt keine Nationalparks mit wilden Tieren?

Doch natürlich haben wir Naturschutzgebiete. Aber nicht so wie bei euch und über die Wildheit der Tiere lässt sich streiten!

(beide lachen)

Wo lebst du in Nairobi?

Ich wohne in den Lunga Lunga Slums.Dort lebe ich mit meiner Mutter, meiner Schwester und meinen Nichten und Neffen in einem Haus. Wir sind eine wirklich große Familie, ich habe vier Geschwister!

Oh, das ist viel! Ich bin ein Einzelkind...

Wirklich? Das muss doch langweilig sein! (lacht) Ich wundere mich oft wie es meine Familie ohne mich aushält. Ich liebe es mit ihnen rumzualbern und Witze zu machen, mit mir ist immer etwas los!

Wie war es für dich deine Familie zu verlassen und nach Europa zu fliegen?

Ich war unglaublich glücklich. In Kenia ist es wirklich schwierig einen Pass zu bekommen. Ich weiß, das klingt jetzt blöd aber als ich dann für die Reise meinen eigenen Pass bekam und ihn in den Händen hielt, da wurde ein Traum war. Das war für mich das Beste, was mir je passiert war.

Was hat dir auf deiner Reise hier gefallen und was nicht?

Einige, nicht alle, aber einige Leute hatten Angst vor mir. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe gespürt das sie wirklich Angst vor mir hatten. Das hat mich wirklich traurig gemacht. Ich bin der letzte Mensch, vor dem man Angst haben muss!
Aber gleichzeitig gibt es hier auch wahnsinnig viele Leute die sehr nett und warmherzig sind. Die sich um uns gekümmert haben. Darauf werde ich zuhause auch mehr Wert legen. 

Gibt es etwas, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja da waren viele Sachen, aber eine Sache war jedes Mal witzig. Wir waren hier vollkommen überfordert mit elektronischen Türen. Ich stand einmal zehn Minuten vor einer Tür und habe versucht sie zu öffnen, dabei musste man einfach nur auf einen Knopf drücken. Das wäre mir niemals in den Sinn gekommen! Die ganze Gruppe konnte sich vor Lachen nicht mehr halten. Am Ende war es dann so, dass wir oft vor Türen gewartet haben, bis jemand anderes sie für uns öffnet. Keiner wollte sich blamieren (lacht). 

Freust du dich deine Freunde und Familie wiederzusehen?

Natürlich! Aber ich habe meinen Freunden nichts davon erzählt. Ich werde einfach eines Tages an unserem Treffpunkt stehen und sie überraschen. Ich bin schon total gespannt ihre Gesichter zu sehen! Aber gleichzeitig bin ich auch wirklich traurig, die ganzen tollen Menschen, die ich hier kennengelernt habe, zu verlassen. Ich werde euch alle sehr vermissen.

Und wir werden dich auch vermissen. Vielen Dank! Asante sana!

Interview & Dokumentation: Julie Frost



























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