Das Künstlerkollektiv Kayeye kommt aus dem Viertel "Altos de Cazucá" im Süden der kolumbianischen Haupstadt Bogotà. In dieser Gegend leben größtenteils afro-kolumbianische Menschen, die als Opfer von Gewaltkonflikten ihre Dörfer verlassen mussten oder vertrieben wurden.
Leider ist Cazucá durch hohe Kriminalität und zahlreiche Verbrechen zu einem der gefährlichsten Stadtteile von Bogotà geworden. Um den Kindern und Jugendlichen vor Ort dennoch eine Perspektive zu geben, haben Carlos und Fabio 2007 die Musiktheater-Gruppe Kayeye gegründet. Beide sind echte "Gesichter der KinderKulturKarawane", da sie mit dem Projekt "Taller der Vida" bereits als Jugendliche in Deutschland waren. Inzwischen stehen sie mit ihrem eigenen Projekt mitten im Leben und arbeiten mit ca. 35 Kindern vor Ort.

Im Rahmen der 15. KinderKulturKarawane reisten Fabio und Carlos mit sieben Kindern für zwei Monate durch ganz Deutschland. Anfang und Ende der Tour war die Hansestadt Hamburg, was mir die Möglichkeit gab, den 30-jährigen Carlos zu interviewen und somit seiner eigenen Geschichte ein Ohr zu geben.

Lass uns von Vorne beginnen. Wie hat für dich alles angefangen?


Ursprünglich komme ich aus der Hafenstadt Tumaco. Vor 14 Jahren, nach dem Tod meiner Eltern, war ich ganz auf mich alleine gestellt. Damals bin ich das erste Mal nach Cazuca gekommen. Als ich dort die Situation der Kinder und Jugendlichen gesehen habe, war mir klar, dass ich unbedingt etwas für sie tun muss. Also wurde ich zunächst Teil des Theaterprojekts "Taller de Vida". Dafür meine alte Heimat endgültig zu verlassen, löste eine Art inneren Konflikt in mir aus. Es war eine wirklich schwere Zeit für mich und ich musste früh erwachsen werden.

Was war der Impuls für dein eigenes Projekt?


Bei Taller der Vida bin ich deutlich reifer geworden, habe hinter die Kulissen von Organisationen geblickt und gesehen was man alles erreichen kann. Außerdem habe ich dort Fabio kennengelernt. Wir beide hatten Glück und durften zwei Mal mit dem Projekt und der KinderKulturKarawane nach Deutschland reisen.
Bei unserem zweiten Besuch haben wir angefangen konkrete Ideen zu entwickeln, wollten den Fokus  auf kolumbianische Musik legen. Wir wollten den Kindern eine Alternative geben, sich gegen die Unterdrückung zu wehren und sich mit ihren Wurzeln zu verbinden. Die Musik ist unsere Art des Widerstandes.

Also habt ihr euer altes Projekt verlassen?


Das klingt so gemein (lacht). Natürlich habe ich der Leiterin von Taller de Vida von Fabios und meinen Ideen erzählt. Erst hatte ich Angst, sie würde sauer werden. Aber stattdessen war sie sehr stolz auf uns, holte uns so viel Unterstützung wie möglich und sagte "Bei uns habt ihr gelernt wie man fliegt, jetzt müsst ihr eure eigene Reise antreten."  Also haben Fabio und ich uns entschlossen, Kayeye zu gründen

Carlos, was inspiriert dich zu deiner Arbeit?


Ich gehe häufig durch die Straßen von Cazuca und verzweifle, denke dass es an einem Ort wie diesem keine Hoffnung geben kann. Aber dann denke ich an meinen Vater, der mir vor seinem Tod sagte "Versprich mir, dass du nie dein schönes Lachen verlieren wirst. Vergiss nie, glücklich zu sein."  Das gibt mir immer Kraft weiter zu machen. Ich tue das, weil ich diese Arbeit liebe. Es macht mich glücklich den Kindern zu helfen.

Was macht Kayeye so besonders?


Natürlich gibt es in Cazuca einige Initiativen, die etwas für die Bewohner tun.
Aber es gibt keine solche Organisation wie meine. Wir sind einzigartig, weil wir die Einzigen sind, die den Zugang zu den Jugendlichen durch Tanz, Theater und Musik suchen.

Und was ist euer Ziel?


Wir möchten die zahlreichen Talente in Cazuca fördern! Unser Ziel war es nie, die Jugendlichen zu richtigen Profis auszubilden. Wir möchten sie vielmehr zu "Vorbildern" für andere Kinder machen, möchten, dass sie ein positives Beispiel für den Stadtteil werden.
Das Wichtigste ist, dass wir die Kinder von dem dauerpräsenten Gedanken der Armut lösen. Wir möchten sie selbstständig und unabhängig von der Regierung oder Wertesystemen machen.
Und wir wollen sie über ihre Rechte aufklären, denn man muss von diesen Rechten wissen um für sie kämpfen zu können!

Hast du auch ein ganz persönliches Ziel?


Schön, dass du das fragst. Ja, ich möchte, dass die Leute aufhören, uns immer nur als Arme zu betrachten. Wir sind viel mehr als das.  Wir sind Kämpfer, wir wollen glücklich sein. Ich habe nicht viel, aber ich habe mein Lachen und das möchte ich mit anderen Menschen teilen.


Mit was für Problemen haben die Kinder und Jugendlichen in Cazuca zu kämpfen?


Viele unserer Mädchen, auch die, die mit in Deutschland sind, wurden von ihren Stiefvätern misshandelt, weshalb sie nun eine Art Begleitung in ihrem Leben brauchen. Auch die anderen Kinder sahen sich schon in ihrer Kindheit vielen Problemen ausgesetzt, wie Alkoholismus und Gewalt im eigenen Zuhause. Deshalb laden wir in unser Projekt extra psychologische Betreuer für unser Kinder ein, damit diese ihre Vergangenheit aufarbeiten können.

Das tut mir wirklich sehr leid...


Das braucht es nicht! Unsere Kinder sind in Wirklichkeit nicht arm. Sie haben Lust zu leben, Lust zu lernen und Lust nachzudenken. Das ist wahnsinnig viel wert!

Wie war es für dich als Leiter statt als Schüler in Deutschland?


Für mich war es wie das erste Mal! Diesmal musste ich Verantwortung übernehmen und bin quasi ein Koordinator. Das war nicht immer leicht, wenn du gewohnt bist als Kind in Deutschland zu sein. Aber es macht auch Spaß!

Und was bedeutet die Tour in Deutschland für die Kinder und Jugendlichen?


Ich habe die Kinder gefragt, wie sie in Deutschland gesehen werden wollen. Und sie waren sich einig, dass sie nichts verfälschen wollen. Sie wollen sich so zeigen wie sie sind, so wie sie in ihrem Stadtteil leben. Dazu gehört auch, zu ihrer Haufarbe, ihrer Tradition und ihrer Herkunft zu stehen. Sie haben hier die Möglichkeit, die Vorurteile zu beseitigen und sich als Individuum zu präsentieren.

Seid ihr in Deutschland denn vielen Vorurteilen begegnet?


Du wirst es kaum glauben. Als ich Leuten erzählt habe, dass ich Kolumbianer bin, reagierten einige mit "Ahhhh Kolumbien! Afrika!" (lacht). Andere Menschen hier verbinden Kolumbien mit Kokain, Drogenkonsum und Kriminaltität. Das macht uns traurig...
Wir sind hier als Kayeye und repräsentieren Kolumbien!  Ich hoffe wirklich, dass die Leute begriffen haben, dass wir mehr sind als Drogen, Gewalt, Musik oder Tanz.Ich hoffe, dass sie uns jetzt als Menschen sehen.

Ist es das, wofür du kämpfst?

Die Schule, die Kirche, die Gesellschaft hat uns immer beigebracht, dass jeder seinen festen Platz hat. Aber in Wirklichkeit gehört man nicht nur an einen Ort. Wir können alles machen, was WIR wollen, nicht was sie dir sagen. Wir sind das einzige Lebewesen, dass über den Tod nachdenkt, wir sind Menschen, wir sind eins! Ich möchte, dass wir alle zusammenhalten.

Eine letzte Frage habe ich noch. Mit welchem Gefühl fährst du wieder zurück nach Kolumbien?


Oh das ist schwierig (lacht). Weißt du, die Reise hier nach Deutschland war für uns wie ein Märchen. Noch nie hat eine Gruppe aus Cazuca, die Möglichkeit bekommen, nach Europa zu gehen! Unsere Kinder werden jetzt anerkannt, sogar als kleine Stars oder Künstler betrachtet  Die Rückkehr nach Kolumbien ist für uns sehr wichtig. Jetzt wollen wir dieses Märchen in die Realität nach Kolumbien bringen, den Leuten zeigen, was wir hier erreicht haben und vor allem dieses Märchen dort weiterführen! Wir sind noch lange nicht am Ende angekommen. Jetzt geht es erst richtig los!

Muchas gracias!


Interview & Dokumentation: Julie Frost