Das Projekt

„Shangilia mtoto wa Africa“ bedeutet so viel wie „Freue Dich, Kind Afrikas“. Hinter dem Namen verbirgt sich ein Projekt, das 1994 entstand, als die Schauspielerin Anne Wanjugu einen Film mit Straßenkindern in Nairobi drehte. Fasziniert von der schauspielerischen Begabung dieser Kinder, hängte sie ihren Schauspielerjob von einem Tag auf den anderen an den Nagel. Fortan widmete sie ihr Leben den Straßenkindern Nairobis.
Aus anfangs 17 Kindern, denen sie ein Zuhause gab, sind mittlerweile 199 Kinder geworden. Das Straßenkinderprojekt liegt in Kangemi, einem Slumgebiet im Westen der Stadt.

Shangilia besteht aus einem Heim und mehreren Schulen, in denen den Kindern der Weg von Grundschule bis zur Universität ermöglicht wird. Wichtig für die Arbeit des Projektes sind die Theater-, Musik- und Akrobatikgruppen, die in einem eigenen Theater auftreten können. Die kulturelle Arbeit gibt den Kindern Selbstachtung sowie Selbstbewusstsein - und mit den Auftritten soll ein Bewusstsein für die Problematik der Straßenkinder in Kenia geweckt werden. Diese besondere Mischung macht das Projekt einzigartig und zu einem besonderen Zuhause für die Kinder.
Ein weiteres Ziel der Mitarbeiter besteht darin, eine Brücke zwischen Arm und Reich zu schaffen. Zudem handelt es sich bei dem Projekt um ein Engagement von Afrikanern für Afrikaner, das seit 17 Jahren einen wachsenden Erfolg verzeichnet.

Die Bühne

Die Bühne hatte bei Shangilia von Anfang an einen zentralen Platz: sowohl im Selbstverständnis als auch ganz handfest im Hof des Heims in Kangemi. Für die Gründerin Anne Wanjugu war die Bühne das wichtigste therapeutische Instrument. Sie wusste aus eigener Erfahrung als Schauspielerin, dass der Beifall des Publikums den Schauspieler auf der Bühne verändert, dass er ihn aufrichtet, geradezu Flügel verleiht. Was also lag näher, als den von der Gesellschaft verachteten und geschmähten Kindern genau dieses Gefühl zu vermitteln? Beifall möglicherweise von denselben Leuten, die sie noch vor kurzem auf der Straße verjagt haben. Meist spielten die Kinder damals ihr eigenes Leben auf der Bühne nach, oft in bitter-komischen Sketchen. Schon bald kamen traditionelle Tänze hinzu, afrikanische Songs in verschiedenen Stammessprachen, Trommeln, Akrobaten.
Die Kinder treten heute wie damals in Schulen auf, aber auch in Gefängnissen und vor dem Staatspräsidenten, auf Firmen - Feiern, aber auch vor den Nachbarn in Kangemi. Seit dem Tod von Anne Wanjugu hat sich Shangilia mehr auf Musik, Tanz und Akrobatik konzentriert. Eine Blasmusikformation ist hinzugekommen. Mehrere CDs wurden bereits aufgenommen. In den letzten Jahren waren die Kinder eingeladen zu Veranstaltungen in Thailand, USA und Sansibar. Im Jahr 2009 kamen sie mit der Kinderkulturkarawane nach Deutschland.

Die Geschichte

1992 wird in Kenia der Film „Usilie mtoto wa Africa“ („Weine nicht, Kind Afrikas“) gedreht, der sich mit der Thematik der Straßenkinder auseinandersetzt und bei dem Anne Wanjugu die Hauptrolle spielt. Sichtlich berührt von der Lebenssituation der jungen Kenianer kehrt die Schauspielerin immer wieder in die Slums zurück, um an die dort lebenden Hilfebedürftigen Lebensmittel zu verteilen. Sie beginnt mit ihnen Theater zu spielen und ermöglicht somit einen bisher unbekannten Alltag. 2 Jahre später gründet Anne Wanjugu einen Wohltätigkeitsverein mit dem Ziel, den Straßenkindern Achtung, Respekt und Würde zu vermitteln. Gemeinsam erarbeiten sie ein Theaterstück, das sich mit ihrer Problematik beschäftigt. Immer mehr Kinder nehmen die Hilfe des Heims in Anspruch, sodass die Zahl der Kinder auf 90 wächst. Eine kleine Schule kommt hinzu, in der den heranwachsenden Schauspielern lesen gelehrt wird, so dass sie zumindest ihre Rolle lernen können. Die ARD wird aufmerksam auf das Projekt und zeigt den ersten Film über Shangilia. Ein Jahr später wird Anne, begleitet von einigen Kindern, von UNICEF nach Deutschland eingeladen. Erfolgreich treten sie in Berlin, Leipzig und Köln auf. Die Anzahl der Kinder in Schule und Heim steigt stetig weiter, so dass die Schule sogar erweitert wird. 2002 stirbt Anne Wanjugu überraschend, doch das Projekt lebt weiter.
Die Kenianerin Suzanne Kuria führt den Vorsitz und die Modernisierung des Projekts zunächst einmal weiter. Den Kindern wird die Secondary School ermöglicht. 2004 lädt die Welt-Aids-Konferenz einige Kinder des Heims nach Bangkok ein. Japheth Njenga übernimmt die Leitung. Inzwischen ist die Zahl der Kinder auf 199 angewachsen und der Weg bis hin zur Universität geschaffen. Nach Wahlen in Kenia im Jahr 2007 kommt es zu Unruhen. Die Kinder von Shangilia treten in den Flüchtlingslagern auf und verteilen Kleidung an besitzlose Menschen. 2009 wird der Verein „Shangilia Deutschland e.V.“ gegründet mit dem Ziel, den Kindern in Shangilia eine bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen. Seit 2010 ist Frank Plasberg Schirmherr des Vereins.

Die Philosophie

Anne Wanjugu kam selbst aus ärmsten Verhältnissen. Als zweites von neun Kindern eines Tagelöhners hatte sie keine Chance auf eine angemessene Ausbildung. Fünf Jahre Hauptschule waren alles, was sie von ihren Eltern mit auf den Weg bekam. Mit 14 wurde sie Hausgehilfin bei einer britischen Familie – und das war ihr Glück. Ihre Arbeitgeber erkannten ihren Wissensdurst und förderten sie nach Kräften. Sie lernte Englisch, las Bücher und schloss sich einem Theater-Club an. Mit 21 schrieb sie ihr erstes Theaterstück und zwei Jahre später gründete sie ihre eigene Theatergruppe.
Sie überzeugte in vielen Rollen auf der Bühne des National Theatre in Nairobi und in mehreren Filmen. Aber die Theaterarbeit mit Kindern stand immer im Mittelpunkt ihres Interesses. So leitete sie ein „Erziehung durch Theater“-Programm in den Grundschulen Nairobi.

Shangilia brachte dann die große Herausforderung. Sie musste nicht nur Dramaturgin, sondern plötzlich auch Mutter schwierigster Kinder sein.
2001 bekam sie dafür den Elisabeth-Norgall-Preis des International Women’s Club in Frankfurt. Am 6. April 2002 starb sie völlig überraschend, wahrscheinlich an einem Herzinfarkt.
Anne Wanjugu hatte nie Berührungsängste. Sie nahm die abgerissenen, verschmutzten Kinder in ihre Arme und mehr noch in ihr Herz – ohne jede Sentimentalität, sondern mit einem nüchternen Sinn für das Notwendige und Machbare.

 

"In einem armen Land ist ein Straßenkind ein ausgebuffter Überlebender in einer tatsächlichen Hölle. Diese Kinder haben gelernt, ihr Leben mit Diebstahl, Prostitution, Betteln und Müllsammeln zu bestreiten. Das macht sie anfällig für Krankheiten und Verletzungen, was wiederum ihr Elend verschlimmert. So ein Kind ist auf seine Schläue und auf die Barmherzigkeit einer hochmütigen Gesellschaft angewiesen. So ein Kind lernt in den Gesichtern zu lesen, es kennt vorzeitig alle menschlichen Neigungen und ist deshalb in der Lage, mit durchtriebener Taktik Mitleid auf den Straßen zu erwecken. So ein Kind ist ein perfekter Schauspieler aus schierer Not."

http://www.shangilia.de/